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  • Carrie

Wir als Eltern

Aktualisiert: Nov 10

Wie es ist, Eltern einer Tochter mit handicap zu sein? Ich habe lange darüber nachgedacht, bevor ich angefangen habe zu schreiben. Fragen über Fragen sammelten sich in meinem Kopf und ich wusste gar nicht genau, wie ich sie sortieren sollte. Naja, in erster Linie kennen wir es nicht anders - sondern sehen es nur bei anderen, wie es "normal" läuft. Ich würde lügen, hätten wir es uns nicht anders gewünscht. Jeder wünscht sich für das Kind und für sich selbst Gesundheit - alles andere wäre irgendwie auch nicht normal. Das Ding ist nur, wenn du erfährst, dass dein Kind nicht gesund ist, wie du damit umgehst. Und ich meine nicht das weinen, das haben und machen wir tatsächlich noch oft. Das sich sammeln und sagen, wir nehmen es an und versinken nicht in Selbstmitleid - das ist das was für uns zählt und zählte. Natürlich haut es mich auch mindestens jedes viertel Jahr aus der Bahn, wo ich nicht mehr kann, mir alles über den Kopf wächst und ich ne Pause brauche. Ich habe aber gelernt mir die Pause zu nehmen. Sie bleibt dann bei Papa und ich gehe für ein paar Stunden einfach egal wo hin um mich wieder zu sammeln. Natürlich weine ich dann. Das Fass ist dann voll mit Überforderung, Hilflosigkeit und Selbstzweifel, da muss bissl was raus und dann hole ich tief Luft, genieße die Auszeit und freue mich auf meinen kleinen Engel, der mir in die Arme fällt und strahlt wie ein Honigkuchenpferd, wenn sie Mama wieder sieht. Papa macht das auch, logisch. Er macht das nur anders als ich. Jeder aber so, wie es ihm am Besten damit geht.


Wenn sie als mal tobt, schreit und ich wirklich nicht weiß, was sie hat, weil ich schon den ganzen Fragekatalog durchgegangen bin, dazu nachts noch schlecht geschlafen und unausgeglichen ist, setze ich sie weg von mir, auch wenn sie weint, weil ich dann weine. Einfach weils raus muss, vor lauter Überforderung und weil ich keine Ahnung hab, was eigentlich ihr Problem ist. Ich denke, dass es jeder Mama mal so geht. Viele Kinder zeigen wo sie Aua haben, oder hunger oder durst. Das macht Unsere halt nicht. Ich hoffe aber irgendwann bald. Klar, Babys können das auch nicht, haben aber auch noch nicht so ein großes Mitteilungsbedürfnis. Sie hat das mit ihren 3,5 Jahren halt schon, wie jedes andere Kind auch. Jetzt stellt euch einfach mal vor, ihr wollt jemandem etwas erzählen, könnt aber nicht und ihr habt dabei Schmerzen oder etwas plagt euch und ihr wollt es unbedingt loswerden. Gefühlt läuft die Zeit ab wie bei extrem activity, ihr werdet hibbelig und es wird immer schlimmer, weil keiner checkt was ihr eigentlich grad wollt, für euch es aber total logisch ist wie ihr so gestikuliert und euch verbiegt. Ich denke dieser Adrenalinstoß in dieser einen Minute - so muss es sich anfühlen, wenn die Kleine sich mitteilen will und ihre Eltern nicht checken, was sie möchte. Das frustriert, bin ich mir sicher. Auf beiden Seiten. Unsere Seite ist aber gewollt zu verstehen, damit es für sie einfacher wird. Je mehr wir verstehen, desto selbstsicherer wird sie und zeigt besser, so mal mein Grundgedanke. Da arbeiten wir jetzt dran.


Wir sind als Paar näher zusammen gerückt, als es Eltern eh schon sind. Wir hatten auch unsere schwierigen Zeiten, wo jeder erstmal mit der Tatsache klar kommen musste. Dann das Kind natürlich weiter versorgen, die Angst im Nacken, dass immer irgendwas passieren könnte. Therapien besuchen, das Kind "leiden" sehen, was heißt, sie bekam Therapie nach Bobath und es strengte sie einfach wahnsinnig an. Die Partnerschaft pflegen, arbeiten gehen, Haushalt.. zack hats gemacht und wir hatten uns irgendwo zwischen Pampers und Medikamenten verloren.


Zu keiner Zeit hat einer von uns gezweifelt, dass wir es nicht gemeinsam schaffen würden, die Frage war nur eben wie. Als sich jeder irgendwie gesammelt hatte, sprachen wir viel und wir tun es jetzt noch. Jede noch so kleine Kleinigkeit wird angesprochen. Nur so können wir wissen, was der andere denkt und fühlt, wer eine Idee hat zur Förderung, was er gut fand, nicht gut, wer ne Pause braucht, etc.


Es gab eine Zeit, da hat jeder von uns auf fast alles verzichtet um immer für den Anderen und die Kleine dazu sein. Wir gingen fast ein wie Primeln. Est ist so verdammt wichtig, sich selbst nicht auf zu geben. Wir geben uns jetzt gegenseitig den Freiraum, den der Partner braucht um auch ausserhalb der Elternrolle zu wachsen. Freunde zu treffen, abends mal ausgehen und die Sorgen einfach mal zuhause lassen - das ist völlig ok und so verdammt notwendig.


Die Königsklasse sind aber unsere Datenights, die wir uns mittlerweile eingeräumt haben. Die Kleine darf eine Übernachtung oder übers Wochenende zu Oma und Opa und wir gehen zusammen aus, gemütlich bummeln oder frühstücken und genießen die Zeit als Paar. Manchmal liegen wir aber auch nur zusammen faul auf der Couch, Essen ungesunde Sachen und schauen Serien, schlafen aus und wuseln durch die Bude. Es spielt keine Rolle, für was wir uns entscheiden, denn wir machen es gemeinsam oder jeder auch mal für sich - egal, hauptsache wir.


Ich denke es ist wichtig, dass wir weiter machen, auch wenn wir manchmal nicht mehr können. Und ich möchte euch sagen, dass es völlig okay ist, wenn ihr mal im Auto sitzt und weint. Es ist auch ok, wenn ihr verzweifelt seid und am liebsten davon rennen wollt und ihr nicht wisst, wie es weitergehen wird. Es ist okay, wenns mal nicht okay ist. Es wird auch wieder anders werden, vielleicht sogar besser, vielleicht auch nicht, aber gebt nicht auf. Vergesst nie, die Kinder haben sich euch als Eltern ausgesucht, weil ihr dem gewachsen seid - niemand geht von perfekt aus, seid einfach nur echt.


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