Suche
  • Carrie

Löcher im Herzen

Die Gelbsucht war überstanden. Wir waren froh und dankbar. Es war die zweite Woche auf der Intensivstation. Der Kardiologe kam zu einer Untersuchung und uns wurde ganz flau im Magen. Es war Freitag nachmittag und der erste Eindruck des Arztes war kühl und distanziert. Er schallte das Herz unserer Tochter, schaute uns an, holte Papier und Stift und begann zu malen. Sofort schossen uns die Tränen in die Augen. Ein Gefühl von Angst, Panik und Verlust liefen uns den Rücken runter. Es war die nackte Angst um genau zu sein. Wir wussten nicht, was er malte, wussten aber, dass es uns ein Teil des Herzens rausreißen wird. Er erklärte die Diagnose als auch das Gemalte. Ob ich mich an die Diagnose erinnere? Nein. Ich glaube ich konnte nach dem Satz "es sind drei Löcher in der Herzscheidewand" nichts mehr hören. Wie ein leerer Bahnhof in meinem Kopf. Es kam nichts mehr an. Ich war in einer Art schockstarre, wusste nicht mehr wo oben und unten ist. Meinem Partner ging es gleich. Wir weinten und waren hilflos. Ein Blick in das Bettchen und ich fragte mich, warum so ein kleines Wesen, so hilflos und rein, diese Diagnose erhalten musste. Der Arzt lies uns alleine. Wir verbrachten das ganze Wochenende an Ihrem Bettchen, wichen nicht von ihrer Seite und gaben ihr so viel Liebe, wie wir geben konnten. Sie lag auf meiner Brust, jeden Herzschlag hörte sie und kuschelte sich an meine nackte warme Haut. Papa war stehts an unserer Seite. Wir tauschten die Plätze, sodass sie wusste, dass auch er bei ihr ist und sie beschützt. Es gab uns soviel. Es war Montag und der Kardiologe lud in die Praxis um das weitere Vorgehen zu besprechen. Ich konzentrierte mich mit aller Kraft um jedes Wort genau zu hören und zu verstehen. Sozusagen legte ich den Schalter in meinem Kopf um und versuchte das Emotionale auszuschalten. Er erklärte mir anhand eines Kunstherzens den Herzfehler von ihr. Ein VSD hatte sie. Ein Ventrikel Septum Defekt. Das ist ein Loch in der Herzscheidewand und mit ca. 35 % der häufigste aller angeborenen Herzfehler. Bei 3% der Babys wuchs das Loch von alleine zu. Soviel Glück hatten wir nicht. Eine Herz-Operation ist unumgänglich. Eine Operation am offenen Herzen, geplant 4 Monate nach der Geburt, wenn sie ein Gewicht von 5 Kilogramm erreicht hat. Das war also unser Ziel. Sie so weit aufzupeppeln, dass sie fit genug für die schwerwiegende Operation war. Wir mischten hochkalorisches Pulver unter die Muttermilch, sodass sie mehr Kalorien pro Mahlzeit aufnehmen konnte. Er verschrieb auch drei verschiedene Medikamente, die täglich mehrfach gewissenhaft gegeben werden sollten. Die Intensivschwestern zeigten uns dem Umgang mit den flüssigen Mittelchen. Es verging eine weitere Woche auf Station bis wir endlich unsere Taschen packen und nach Hause gehen konnten. Der Abschied der Schwester auf der Wochenbettstation riss uns nochmal in ein Loch. Mit "Sie werden immer ein krankes Kind haben" verabschiedete sie uns. Wir wurden so toll betreut, von allen Angestellten... aber naja, Eine ist ja immer dabei.

787 Ansichten
 

Abo-Formular

77815 Bühl

  • Instagram

©2020 Kleeblog - Alle Rechte vorbehalten