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  • Carrie

Herz Operation

Aktualisiert: vor 2 Stunden

Nach einem Besprechungstermin im Klinikum Freiburg stand der Termin für die geplante Operation fest. Es sollte der 12. Juli sein.

Die Ärztin erklärte uns den Ablauf der Herzoperation. Die Operation findet am offenen Herzen statt. Sie öffnen den Brustkorb mit einer Art Hähnchenschere. Der Herzchirurg bringt das Herz mit einem Mittel zum Stillstand und es wird gekühlt, sodass er daran arbeiten kann. Um den Herz-Kreislauf-Stillstand zu überbrücken, wird das Kind an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. Nach erfolgreicher Operation wird der Brustkorbknochen mit einem feinen Draht umwickelt und die Haut wird dann durch einen Schönheitschirurgen zugenäht. Danach wird der Patient auf die Intensivstation gebracht. Am 11. Juli checkten wir dann im Klinikum ein. Es war ein mulmiges Gefühl. Ein kleines Mädchen, zu der wir ins Zimmer kamen, empfing uns freundlich und strahlend. Julia hieß sie, vier Jahre alt und das war nun ihr zweiter Aufenthalt hier. Sie kam mit nur einer Herzkammer auf die Welt. Sie erklärte uns, dass die Ärzte ihr mit insgesamt drei Operationen eine zweite Herzkammer formten, sodass sie gute Überlebungschancen hat. Ob das die vereinfachte Kinderrealität war, damit sie annähnernd versteht, was passiert, weiß ich nicht. Ich habe weder gegoogelt noch ein Buch dazu in die Hand genommen. Ich habe einfach ihre Erklärung, warum sie hier ist, aufgenommen. Eine Operation stand noch aus. Sie erklärte uns fröhlich, wo die Küche und das Spielzimmer war. Ihre Narbe zeigte sie uns auch. Ihr Vater sagte, dass ist eine Narbe einer großen Kriegerin, die niemals aufgibt. Mir lief es kalt den Rücken runter. Wie viel Angst und Schmerz musste diese kleine Kriegerin schon durchstehen und war trotz allem so ein glückliches aufgeschlossenes Kind. Oder war sie genau wegen all dem so? Sie schaute unser Kind an und sagte, dass auch sie das schaffen würde, sie ist auch eine Kämpferin. Mit Tränen in Augen schaute ich auf die Seite. Ich wollte nicht, dass Julia mich so sieht, sie hätte es mit ihren vier Jahren falsch verstanden. Ihre Mutter kam und nahm sie mit ins Spielzimmer. So saßen wir hier. Schauten uns um und machten uns Gedanken. Ein kleines Mädchen kam auf einer Maschine durch den Flur gefahren. Im ersten Moment sah es aus wie eine dieser großen Reinigungsmaschinen, die es in den Kaufhäusern und den Schulen gibt. Es war aber ihr Kunstherz, das sie am Leben hielt. Seit nun mehr einem Jahr war sie hier auf Station und wartete auf ein Spenderherz. Sie feierte ihren Geburtstag und auch Weihnachten hier. In die Haut ihrer Eltern wollte ich mich nicht hineinversetzen. Wie sich diese Dauerschleife anfühlt, möchte ich mir nicht einmal vorstellen.

Es war Abend geworden und nach ihrer letzten Flasche ging es ins Bett. Ich legte mich auf das Klappbett neben sie und Papa durfte im Spielzimmer schlafen. Schlafen war das falsche Wort - wir lagen da und beteten die halbe Nacht, dass am nächsten Tag der Arzt fit und ausgeschlafen und von jeglicher Wut befreit war um so seiner Arbeit richtig nachzugehen. Natürlich tat er das, aber was für Gedanken einem im Kopf rum gehen, vor einem so großen Tag, mag ich nicht erzählen.

Um 9:00 Uhr wurden wir mit dem Krankenwagen von der Kinderstation abgeholt und vor den Operationssaal gebracht. An der Schneise mussten wir sie in die Hände von fremden Menschen geben. Sie wusste, dass etwas passiert, was so nicht normal war. Sie drückte sich fest in den Kindersitz und versank in ihrem Schnuffeltuch. Ihre Augen waren voll mit Angst. Warum wir nicht mit in den Narkoseraum durften, wissen wir bis heute nicht.  Wir warteten den halben Tag auf den erlösenden Anruf. Acht Stunden können so verdammt lange sein. Wir liefen auf dem Klinikgelände rum, spielten Karten um uns abzulenken oder saßen einfach nur da. In die Stadt gehen, fanden wir beide in dieser Situation verquer. Nachmittags um kurz vor 16 Uhr rief der Arzt auf meinem Handy an. Die Operation ist gut verlaufen, der Gutachter prüft nochmal alles und dann wird sie auf die Intensivstation gebracht. Zwei Stunden später durften wir dann zu ihr. Sie lag auf der Erwachsenenstation am hintersten Platz am Fenster. Die anderen Betten waren belegt mit älteren Herrschaften, sie war das einzige Baby.

Ein Pfleger war gerade bei ihr. Sie bekam über die Magensonde etwas Fencheltee. Ein einziger Haufen aus Kabeln und Schläuchen lag um sie herum. Die Brust fest verbunden und unter dem Verband kamen zwei Drainagen aus ihrem Bauch. Sie wurde beatmet und bekam nicht mit, dass wir da waren. Sie brauchte viel Ruhe und wir sollten uns ablenken und etwas unternehmen. Wenn etwas sein sollte, meldeten sie sich umgehend bei uns.

Naja - nun gut, verlassen hatten wir das Gelände nur zum Abendessen. Wir suchten uns ein nahegelegenes Restaurant. Spät am Abend gingen wir in unser am morgen frisch bezogenes Zimmer im Jugendhaus nebenan und hier blieben wir auch zusammen, bis sie auf die Normalstation verlegt wurde.


Am dritten Tag kam der Anruf, dass sie mittags schon verlegt werden kann. Ihre Werte waren stabil und sie wurde nicht mehr beatmet. Wir zogen aus unserem Zimmer aus. Ich auf die Normalstation und Papa in eine nahegelegene Pension.

Sie war wach als sie ankam, bewegte sich nicht. Mit ihren großen Augen schaute sie uns an und ich glaube sie war froh, uns zu sehen. Wir blieben den ganzen Tag an ihrem Bettchen, bis die Ärztin kam und nach ihr schaute. Diese erzählte uns auch, dass sie eine Bluttransfusion bekommen hatte, da bei der Operation ihr Blut nicht ausreichte. Im ersten Moment irritiert, waren wir im Nachhinein froh, dass alles einfach so glimpflich ausgegangen ist. An Tag drei durften wir in ein Einzelzimmer wechseln und sie bekam immer weniger Schmerzmittel. Bald konnten wir kleine Spaziergänge auf dem Klinikgelände machen. Papa fuhr nach drei Tagen zurück nach Hause und ging dem Alltag der Arbeit nach. Das war gut, dass einer den Alltag zurück hatte, so konnte er dem anderen wieder Energie geben. Wir waren so auf ihr Herz konzentriert und froh, dass alles so gut vorbei gegangen war und bemerkten erst gar nicht, dass sie ihre ersten Zähnchen bekommen hatte. Durch die Schmerzmittel war es für sie ertragbar gewesen. Wir freuten uns sehr. Jeden Tag wurde sie fitter und trank immer mehr.

Es war so schön zu sehen, wie sie aktiver wurde und mehr und mehr die Kabel und Schläuche von ihr entfernt wurden. An Tag 9 war es dann tatsächlich schon so weit. Wir durften nach Hause fahren.

Es war wie Ostern und Weihnachten zusammen. Der Papa holte uns beiden Mädels ab, sie trank noch vor der Abfahrt  - doppelt so viel wie vor der Operation. Wir waren einfach nur erleichtert und so unendlich dankbar, dass alles heil überstanden war. Was wir in diesem ersten halben Jahr durchgestanden und ertragen hatten, wünsche ich nicht mal meinem größten Feind. 

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